Verschleierte Wirklichkeiten

deutsche und türkische künstlerinnen im dialog

Ausstellung in der Galerie auf der Freiheit, Schleswig
21. August bis 2. Oktober 2011

Die Ausstellung fragt nach der Selbstverortung der Frau in der zeitgenössischen Kunst sowohl in Deutschland als auch in der Türkei und hinterfragt gesellschaftliche Vorurteile und Klischees. Immerhin sind 23 Prozent türkischer Frauen in Führungspositionen vertreten, 14 Prozent der Vorstands-vorsitzenden sind weiblich. In Europa und besonders in Deutschland liegen die Werte unter 5 Prozent. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um Quoten und Gleichstellung, die wir zurzeit in unseren deutschen Medien verfolgen können, wirkt die gutmenschliche Empörung über den Schleier der orientalischen Frau wie ein Ablenkungsmanöver von den eigenen ungelösten Frage-stellungen. Auch in Zeiten des so genannten Postfeminismus sind die Probleme von Identität und Geschlecht, ihrer medialen Vermittlung und kulturellen bzw. gesellschaftlichen Festschreibung nicht gegenstandslos geworden. Dies gilt für die Situation von Frauen und Künstlerinnen in der Türkei ebenso wie in Deutschland. Der Titel Verschleierte Wirklichkeiten hat eine vielschichtige Bedeutung und dient als Ausgangspunkt für den Dialog der Künstlerinnen aus zwei Kulturen: Wie sehen die Wirklichkeiten der Frau in beiden Ländern aus? Wo ähneln sie sich, wie unterscheiden sie sich? Wie spiegeln sie sich in der künstlerischen Wahrnehmung? Mit welchen Intentionen arbeiten die deutschen und die türkischen Künstlerinnen? Wie werden ihre Arbeiten in der jeweiligen Kultur wahrgenommen? Welche Träume, Wünsche, Zukunftsbilder artikulieren sie?


Vorwort der Kuratorin:
Aus: Brief an die Künstlerinnen vom 10.4.2011

Soviel vorweg: Der Ausstellungstitel geht auf das Buch "Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen" von Christina von Braun und Bettina Mathes, 2007 erschienen, zurück. Die beiden Kulturwissenschaftlerinnen fragen, warum die Verschleierung der orientalischen Frau in Europa eine so hitzige Debatte ausgelöst hat. Kurz gesagt betrachten sie den Schleier als Metapher für das abgespaltene Eigene, das unreflektiert auf die fremde Kultur projiziert wird.

"Wir stellen die Möglichkeit zur Diskussion, dass die physische Gewalt, der man die verschleierte Frau [des Orients] ausgesetzt glaubt, ein Ausdruck jener symbolischen Gewalt ist, der die entblößte Frau [des Okzidents] unterliegt." Demzufolge fragen die Autorinnen weiter, weshalb unsere deutschen Medien zu Recht groß über den Ehrenmord an einer jungen Türkin berichten, es ihnen aber gerade mal einen Einspalter im »Vermischten« wert ist, wenn ein deutscher Ehemann seine Frau, die ihn verlassen will, tötet? Dabei sei der einzige Unterschied doch lediglich, dass der Besitzanspruch einmal von der Familie, das andere Mal vom Ehemann exekutiert wird. Gemeinsam seien Orient und Okzident, dass sie die ungelösten Probleme ihrer Geschlechterhierarchie an den weiblichen Körper verweisen. Männermacht liege kulturübergreifend in ihrer Nichtthematisierung begründet.

Unser Projekt ist als Teil des „Türkeisommers“ in Norddeutschland entstanden, wobei es mir von vornherein wichtig erschien, den Darbietungen türkischer Kultur nicht als staunende Konsumentin zu begegnen, sondern einen Dialograum zu öffnen, in dem wir sozusagen alle gemeinsam Gäste sind.

Kunst betrachtet die Wirklichkeit immer als „Verschleierte“, entzaubert oder verzaubert sie. In diesem Sinne sehe ich Workshop und Ausstellung als einen ergebnisoffenen Prozess, zu dem ich Euch heute nochmals herzlich einladen möchte.



Veiled realities
German and Turkish Artists in Dialogue


Exhibition: Galerie auf der Freiheit, Schleswig
August, 21. – Oktober, 2. 2011

The exhibition examines the self-positioning of women in contemporary art, both in Germany and in Turkey, and questions social prejudices and stereotypes. The percentage of Turkish women represented in leadership positions is 23, while 14 percent of CEOs are women. In Europe and especially in Germany, these levels are below 5 percent. In view of the current debate about quotas and equality which we can currently observe in our media, the well intended indignation about the veil of the oriental woman seems a diversion from one's own unresolved issues. Even in the so-called post-feminism era, the problems of identity and gender, its communication through the media and its cultural or social tenet have not become irrelevant. This applies to the situation of women and women artists in Turkey as well as in Germany. The title Veiled realities has a multilayered meaning and serves as a starting point for a dialogue between artists from two cultures: what are the realities of women in each of these countries? Where are they similar, where do they differ? How are they reflected in the artistic perception? What are the intentions behind the work of German and Turkish women artists? How is their work perceived in their respective cultures? What dreams, desires or visions do they articulate?



Foreword by the curator:
From: Letter to the artists of 4/10/11

For starters: The name of the exhibition can be traced back to the book "Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen" (Veiled Reality: Women, Islam and the West) by Christina von Braun and Bettina Mathes, 2007. The two cultural scientists ask why the veiling of eastern women in Europe has sparked such a heated debate. In short, they regard the veil as a metaphor for the split-off self which is uncritically projected onto the alien culture.

"We put up for discussion the possibility that the physical violence to which the veiled woman [from the East] is believed to be exposed, is an expression of the symbolic violence to which the exposed woman [from the West] is subjected." Consequently, the authors ask why our German media rightly report extensively on the honor killing of a young Turkish woman, but only reserve a single column in the "Miscellaneous" section for a German husband killing the wife who wants to leave him? The only difference here is that in one case, the ownership is in the hands of the family, and in the other, the husband. What East and West (Orient and Occident) have in common is that both refer the unsolved problems of their gender hierarchy to the female body. Male power is established across cultures by not making a subject of discussion.

Our project is part of the "Turkey summer" that originated in Northern Germany, in which it appeared important to me in the first place, not to take in the rendition of Turkish culture as an astonished female consumer, but rather to open up a space for dialogue in which we are all together visitors, in a manner of speaking.

Art always looks at the reality in a "disguised" way, it casts a spell on it, or dispels its magic. In this sense I see the workshop and the exhibition as an open-ended process, to which I would again like to invite you warmly today.

Heike Stockhaus